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Foto: Sessel Chierowski 366, Entwurf Józef Chierowski; Fot.: www.pinterest.com

Was ist polnisches Design? Eine kurze Geschichte für die Einsteiger.

Die Begriffe skandinavisches oder italienisches Design sind in Westeuropa kein Geheimnis. Fast jeder mittelinteressierte Designliebhaber kennt den Namen Werner Panton oder weiß, wie die Lampe PH aussieht. Die Klassiker des skandinavischen Designs trifft man täglich an vielen privaten oder öffentlichen Orten. Viel schwieriger ist es zu beschreiben, was polnisches Design kennzeichnet?

Der östliche Nachbar ist zwar vielen wegen der industriellen Möbelproduktion bekannt, was aber gleichzeitig nicht bedeutet, dass er mit gutem, originellem Design konnotiert wird. Das westliche Publikum reagiert auf die polnischen Produkte immer noch mit Vorsicht und Zweifeln an der Qualität. Ist das Phänomen des polnischen Designs eine Erfindung des zeitgenössischen Marktes, eine östliche Antwort auf die westlichen Trends, oder hat es bereits eine gute, geschätzte Tradition?

Nach dem man einige Studien durchgeführt hat, zeigt sich, dass das polnische Design eine sehr interessante und turbulente Geschichte vorweisen kann. Die Anfänge des industriellen Designs beziehen sich auf den Bund Krakauer Werkstätten. Sie sind 1913 entstanden und haben sich mit dem Entwurf der Möbel, Textilien und Einbandkunst beschäftigt. Zum Bund gehörten u.a. Zofia Stryjenska und Kazimierz Młodziakowski. 1925 feierten die Krakauer Werkstätten einen Erfolg während der Internationalen Ausstellung der dekorativen Künste und der modernen Industrie in Paris. Nach der Auflösung des Bundes im Jahr 1926, entstand in Warschau der Künstlerbund Lad. Eines seiner Ziele war es, Möbel, Textilien, Keramik und andere Inneneinrichtungsgegenstände zu entwerfen und zu produzieren um die Vollkomenheit der Form, des Materials und der Produktion zu erreichen.

Foto: Stühle aus der Serie Muszelka (Muschel), Entwurf Teresa Kruszewska; Fot.: www.formwell.pl
Foto: Geschirr Dorota, Entwurf Lubomir Tomaszewski, Porzellan Manufaktur Ćmielów; Fot.: www.as.cmielow.com.pl

1950 gründete Professor Wanda Telakowska das Institut für Industrielles Design, eine der ersten europäischen Institutionen, die sich dem industriellen Design widmete. In den schwierigen Nachkriegsjahren hatte es wenig Möglichkeiten einer schnellen und qualitativen Entwicklung. In der ökonomischen Krise und unter dem kommunistischen Regime war es nicht leicht innovative Entwürfe, einen guten Stil und Ästhetik zu finden. Den Schwerpunkt bildete ein quantitativer Zuwachs der Produktion, weniger schwierige, raffinierte Projekte. Priorität war die Anpassung der Produktion an die kleinen Wohnungen. Somit entstanden die berühmten Wandschränke, die die Möbelindustrie bis heute prägen.

Die Entstehung des Institutes des Industriellen Designs hat die Situation deutlich verbessert. Das Institut hat die Zusammenarbeit mit dem Polnischen Künstlerverein initiiert und in den 1950er Jahren entstand neben dem universellen Wandschrank der Architektenpaar Kowalski ein phänomenaler Sessel von Roman Modzelewski RM58, der in Bezug auf die Herstellung und die organische Form überraschte.

Leider hat eine große Zahl der wunderbaren Entwürfe nie das Tageslicht gesehen und man hat sich nicht international gezeigt. Es führte zu einer spezifischen Geschlossenheit dieses Kunstgebietes, was ideal den Charakter des kommunistischen Systems wiedergibt und erklärt, warum man den Wert und die Einzigartigkeit der polnischen Entwürfe dieser Zeit nicht kennt, sowohl im Ausland, aber leider immer noch auch in Polen.

Foto: Stuhl RM 58, Entwurf Roman Modzelewski; Fot.: www.culture.pl
Foto: Teil der Ausstellung Wir wollen modern sein - polnisches Design 1955-1968; Fot.: www.yonska.blogspot.de

In Polen gibt es kein Designmuseum. Wie Beata Bochińska in Zacznij kochać dizajn. Jak kolekcjonować polską sztukę użytkową (Warszawa 2016, S. 140-141) richtig schreibt, befinden sich die alten Designobjekte zwar in den Sammlungen der Museen, werden aber ganz selten präsentiert (Ein Großteil dieser Sammlungen hat ungeklärte Besitzrechte), was nicht besonders das Ansehen des polnischen Designs national und international verbessert. Bochińska weist darauf hin, dass nach 1989 keine gute Ausstellung stattfand, die die Tradition des polnischen Designs zeigen konnte. Eine Ausnahme bildet die Ausstellung Wir wollen modern sein – polnisches Design 1955-1968 im Nationalmuseum in Warschau. Obohl David Crowley 2008 ein paar Objekte der Ausstellung Cold War Modern. Design 1945-1970 in Victoria & Albert Museum in London verlieh, nahm das Wissen über polnisches Design nicht zu.

Nach dem EU-Eintritt Polens hat sich die Situation deutlich verändert. Immer mehr polnische Produzenten entscheiden sich für die Zusammenarbeit mit den jungen Designern und präsentiert einem breiten Publikum deren innovative Entwürfe. Das Projekt Spirit of Poland führt seit 2013 eine intensive, internationale Werbungskampagne des polnischen Designs (www.spiritofpoland.pl). Dank der internationalen Ausstellungen und Messen, auf denen das polnische Design präsentiert wird (z.B. die Ausstellung Ein polnischer Tisch oder IMM Cologne), gelingt es den Designern immer mehr Fürsprecher zu gewinnen. Immer öfter werden die polnischen Projekte in der internationalen Innenarchitektur-Presse gezeigt, es entstehen polnische Concept Stores (z.B. No Wódka in Berlin) und auch in vielen deutschen Möbelgeschäften sieht man die polnischen Entwürfe, leider meistens als „no name“ – Produkte.

Foto: Plakat der Ausstellung Ein polnischer Tisch; Fot.: www.exspace.pl
Foto: Regal mit verstellbarer Höhe, Entwurf Rajmund Teofil Hałas, 1962, Produzent Nowy Model; Fot.: www.nowymodel.org

Das was im Falle des polnischen Designs geschätzt wird, sind die innovativen Ideen und der Umgang mit den Materialien. Die junge Designer und Produzenten schreiben eine neue, international ausgerichtete Geschichte des polnischen Designs. Was besonders interessant ist, neben den modernen Entwürfen gelangen immer öfter auch die Ikonen des polnischen Designs zur Produktion, wie das Regal mit der verstellbaren Höhe von Rajmund Teofila Hałas (1959) verbreitet von Nowy Model oder Sessel Model 366 von Józef Chierowski (1962), erneut produziert seit 2014 von 366 Concept.

So facettenreich die polnische Geschichte ist, genauso variabel und veränderungsreich war und ist immer noch ist das Phänomen des polnischen Designs. Man kann es oft nicht einem bestimmten Stil zuordnen oder ein paar charakteristische Bezeichnungen finden. Einer der Ziele BeSeins ist es, dieses unbekannte Gebiet des europäischen Designs näher zu bringen.

Quellen der Information: Warsztaty Krakowskie 1913-1926, pod red. Marii Dziedzic, Kraków 2009; Spółdzielnia Artystów Ład, Kierunki i trendy w sztuce, (w:) Kolekcja Sztuki Polskiej i Światowej, nr 81, Poznań 2003; Beata Bochińska, Zacznij kochać dizajn. Jak kolekcjonować polską sztukę użytkową, Warszawa 2016; www.culture.pl; www.iwp.com

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