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POLITURA – Neuentdeckung des polnischen Designs

Nachdem ich mich mit der Geschichte der Berliner Firma Politura vertraut gemacht habe, musste ich an Ähnlichkeiten mit BeSein denken.

Alle sind wir in der polnischen Realität der 80 Jahre aufgewachsen, drei von uns studierten gleichzeitig an der gleichen geschichtlichen Fakultät der Adam Mickiewicz Universität in Poznan. Später kamen Erfahrungen im Ausland dazu. Der Blick auf Polen, seiner Geschichte und Kunst, aus etwas anderer Perspektive. Und das uns verbindende Interesse an dem polnischen Design der 50-80er Jahre. Im Gespräch: Herr Michal Szarko und ich.

Foto: Showroom von Politura in Berlin, Fot.: www.politura-berlin.de
Foto: Michał Szarko, Fot.: www.politura-berlin.de

Mein Gesprächspartner wohnt in Berlin. Mehrmals durfte er erfahren, wie positiv die Beziehung der Deutschen zu ihren eigenen Designtraditionen ist. Sie sind bekannt, werden gepflegt und als Inspirationsquelle gesehen. Die deutschen Wohnungen schmücken immer noch einzelne Möbel aus DDR-Zeiten, konstant im Trend, originell, obwohl sie in der Zeit entstanden sind, in der man sie als Massenprodukt betrachtet hat. In Deutschland ist Design  nicht nur ein schöner Alltagsbegleiter, sondern auch ein ausdrucksvoller Zeitzeuge.

Przybyrad Paszyn wohnt in Poznan. Es ist ein guter Ort, um sich mit der Gegenstandskunst zu beschäftigen, da Polen über wunderbare Designtraditionen verfügt. Das erklärt, warum seine archäologischen Entdeckungen so fruchtbar sind. An den überraschenden Plätzen verstecken sich die Möbelentwürfe aus den 50er, 60er und 70er Jahren, hinter deren  faszinierenden Geschichten Menschen, Ereignisse und Orte stehen. Möbel aus dieser Zeit sind interessant und innovativ, aber gleichzeitig passen sie sich wunderbar an die Designtrends der zweiten Hälfte des 20. Jhs an. In den fast 30 Jahren Freiheit sind die Polen  ästhetisch gewachsen und entdecken das polnische Design neu für sich. Die neue, im Lifestyle-Trend lebende Generation, sitzend auf dem Sofa von Rygalik, möchte endlich wissen, worauf Rygalik selbst saß.

Foto: Przybyrad Paszyn, Fot.: Grzegorz Dembiński, www.gloswielkopolski.pl
Foto: Showroom von Politura in Berlin, Fot.: www.politura-berlin.de

Szarko und Paszyn – Freunde, Nachbarn, die die gleiche Geschichte und Tradition teilen, in der Union der Interessen, gründen eine Firma mit  Hauptsitz in Berlin und führen   spannende Möbelentwürfe Polens aus den 50er, 60er und 70er Jahren  in die Produktion ein.  Mehr! Mutig stellen sie sie neben die allen schon in Europa bekannten und bewunderten Designklassiker.

Warum durfte gerade Politura die Entwürfe der Designer umsetzen? Michal Szarko antwortet, dass die Designer und deren Familien einfach nur glücklich waren, dass nach so vielen Jahren ihr Lebenswerk ein starkes Interesse weckt: „(…) unsere Forschung und Engagement haben verursacht, dass die Erinnerungen  wieder präsent wurden und die Designer zum ersten Mal die Möglichkeit erhielten, ihre Möbelentwürfe umzusetzen. Es war ein sehr intensives, schönes Erlebnis – für beide Seiten“.

In unserem Gespräch rückt ganz schnell die Gemeinschaft polnischer Designer aus den Zeiten des Kommunismus in den Vordergrund. Rajmund Halas, Romuald Ferens, Prof. Edmund Homa, Janusz Rozanski und Zenon Baczyk – hervorragende Schöpfer, die trotz einer wahren Designer-Mission  den Glanz der heutigen Designer nie erleben durften. Bescheiden, auf die Arbeit konzentriert, wunderbare Handwerker, die den Menschen dienen und etwas Schönes schenken wollten. Alle führten langjährige, oft mutige Projektstudien und hörten nie auf, von deren Umsetzung zu träumen. In dem zu der Zeit herrschenden politischen System und seinen besonderen Möbelmarktmechanismen war es gar nicht einfach. Wettbewerbe, unprofessionelle Bewertungen und Entscheidungen, Bürokratie und oft auch die Interessenunterschiede verursachten, dass nicht selten viele wunderbare Entwürfe den Eisernen Vorhang nicht durchbrachen konnten.

 

Foto: Designer Prof. Edmund Homa und der Stuhl H106, Entwurf 1967; Fot.: www.politura-berlin.de
Foto: Entstehung des Stuhles H106, Fot.: www.politura-berlin.de

Szarko betont, dass wenn man an diese Zeiten zurückdenkt,  man die Entwürfe für das Polnische Design Institut von den für die Möbelindustrie unterscheiden muss. Zwar vergab das PDI den Designern  Auszeichnungen, aber den wahren Einfluss darauf, welche Entwürfe in die Massenproduktion gelangen, hatte die  Vereinigung der Möbelindustrie. Zum Vergleich: für 100 Umsetzungen nach der PDI Entscheidung, fielen mehrere hundert Möbel, die dank der Möbelindustrie in die Produktion gelangten. Nach der Projekt-Genehmigung begann der Herstellungsprozess: Ausführung des Prototyps und Meinung einer Kommission, die das Möbel  der Produktion in der konkreten Fabrik zugeführt hat. Dieser komplizierte, gesichtslose Prozess führte dazu, dass alles gemeinsam und herrenlos war.

In der Realität konnte man den Zugang zu den westlichen Möbeln vergessen und die Branchenpublikationen waren begrenzt. Umso mehr beindrucken die aktiven Bemühungen der Designer um Horizonterweiterung, Reisen zu Messen und Stipendien im Ausland auf der Suche nach neuen Fähigkeiten und Inspirationen, aber auch deren überdurchnittliche Kenntnisse der zeitgenössischen skandinavischen Trends. Die spannendsten Muster, die die polnischen Designer beeinflussten, kamen aus damals sehr avantgardistisch geltenden Dänemark.  Leider waren viele dieser Projekte nicht mit der ökonomischen und wohnlichen Situation Polens kongruent.

Mit wachem Interesse folge ich Szarkos Erinnerungen aus den persönlichen Gesprächen mit den Designern und deren Familien. Mein historisch interessiertes “Ich” beneidet ihn anerkennend wegen seines Wissens hinter den Kulissen und  der einzigartigen Magie der Begegnung mit den Zeitzeugen. Szarko betont, dass alle Designer intelligente und gut ausgebildete Menschen, mit Leidenschaft und großer Distanz zu dem eigenem Werk waren. In der damaligen Zeit war es für sie befriedigend, dass sie den Beruf ausüben konnten und dadurch  ein modernes Polen bauen durften – sie hatten eine Mission. Erst nach vielen Jahren haben sie bemerkt, wie anonym sie tatsächlich waren.

Was macht die polnischen Möbel aus den 50er, 60er und 70er aus? Kurz zusammengefasst: innovative, organische Formen, Schlichtheit, Funktionalität, Ergonomie und die Versuche verschiedene Materialien zu kombinieren. Ich schaue mir den Katalog von Politura näher an.

Foto: Entstehung des Stuhles H106, Fot.: www.politura-berlin.de
Foto: Stuhl Lotos von Romuald Ferens, Entwurf 1980, Fot.: www.politura-berlin.de

Der Stuhl LOTOS von Romuald Ferens (Entwurf 1980) beindruckt durch die Form und dem originellen Klapp-Mechanismus. Aus 47 beweglichen Teilen zusammengesetzt ist der Stuhl außerordentlich, anders, fotogen und erreichte, wie es sich zeigte, schnell den Status must have! Der Entwerfer – Romuald Ferens – war mit den Möbelindustrie-Genossenschaften verbunden. Eine Anregung war hier ein kleiner Obstkorb, der in seiner Küche stand.  Inspiration aus dem Alltag heraus führte also zur Idee eines Möbelstückes, die an ein durchbrochenes Gefäß erinnern würde. Trotz der politischen Situation Polens,  nahm LOTOS an einem schweizer Wettbewerb für das beste Möbelstück in der Schweiz teil und erhielt zu einer großen Überraschung  einen Preis! Basis für die Wahl bildete ein kleines Spielzeug-Modell im Maßstab 1:5, weil Ferens  keine Möglichkeit hatte ein Möbel in natürlicher Größe zu produzieren. 1981 wurde ein Prototyp aus der Null-Serie (insg. Hat man 20 Stühle produziert)  auf der Möbelfachmesse in Basel vorgestellt. Leider erhielt LOTOS keine Aufmerksamkeit in Polen selbst. Der Prototyp schmückte über viele Jahre eine Wandschrankkombination in Ferens Wohnung. Dank Politura blüht dieses an eine Lotosblüte erinnernde Möbel  heute in europäischen Wohnungen und in der einschlägigen Fachpresse auf.

Der Sessel R-360 (Entwurf 1959) des Posener Designers Janusz Rozanski war bis jetzt sein einziger bekannter Entwurf. Er entstand aus der Zusammenstellung dreier Materialien: Holz, Stahl und Polsterung. Dieses moderne Möbelstück ist kubistisch und expressiv und erreicht dank unterschiedlicher Ausfertigungen jedes Mal  einen außergewöhnlichen Charakter. Zwei andere Entwürfe dieses Designers – Sessel und Tisch R-1378 (Entwurf 1962) produzierte Politura zum ersten Mal auf Basis der Zeichnungen Rozankis. Heute bilden sie ein passendes, minimalistisches Duo. Beide Möbel sind in Asche mit Wachsöl überzogen, vorgefertigt worden. Der schlichte Sessel erhielt eine Polsterung aus Wolle. Das Besondere an dem Tisch bildet das mobile, furnierte Tablett, das eine zusätzliche Nutzfläche bietet und die Funktionalität des Möbels deutlich erhöht.

Foto: Sessel R-360 von Janusz Różański, Entwurf 1959, Fot.: www.politura-berlin.de
Foto: Janusz Różański, Fot.: www.politura-berlin.de

Janusz Rozanski war bis jetzt nur in einem engen Kreis von Möbelkennern bekannt. In seiner Familiensammlung verblieben nur ein paar Zeichnungen, Fotos und Artikeln. 2014 ist die Posener Wohnung Rozanskis (Gasiarowskich Str. 12) von Wasser überflutet worden. Während der Renovierungsarbeiten entdeckte die Familie etwas Ungewöhnliches: unter dem Linoleumboden lagen Kopien seiner Entwürfe im Maßstab 1:1. Grund dafür war, dass in den 1960er Jahren aufgrund eines Warenmangels auf dem Markt, der Designer  seine Entwürfe verwendete, um den Fußboden zu glätten und abzudichten. Es war eine spontane Entscheidung, von den Realien verursacht. Damals wusste Rozanski noch nicht, dass nach dem Untergang der Fabriken auch die komplette originale Entwurf-Dokumentation verschwindet.

Politura entschied Rozanskis Lebenswerk zu rekonstruieren. Nach mehreren Forschungstagen und Gesprächen mit den Bekannten von Rozanski verfügten Szarko und Paszyn plötzlich über eine große Sammlung der Entwürfe und Messefotos. Aus diesem Archivmaterial zeigte sich ein Designer, der auf der Suche nach den besten ästhetischen, konstruktiven und technologischen Lösungen war, trotz schwieriger Verhältnisse in der Wohnungsbauindustrie. Seine übergeordneten Ziele waren die Verbesserung der Lebensverhältnisse und Prägung der Wohnkultur unter den Polen.  Heute, wie Michal Szarko sagt, trotz so vieler vergangener Jahre, scheint diese Herausforderung, genau wie vor 50 Jahren, wieder aktuell zu sein.

Zum Schluss der durchbrochene Stuhl H106 von Prof. Edmund Homa (Entwurf 1967), aus demseltenen, exotischen Holz Afromosia hergestellt. Prof. Homa erinnerte sich, dass das Holz  1967 in der Fabrik erschien und seine direkte Inspiration war. Homa wusste, dass aus dem außergewöhnlichen Material ein besonderes Möbel entstehen muss, obwohl es gleich zum Scheitern verurteilt wurde. Der Prototyp wurde in den 1960er als nicht realisierbar erklärt und verschwand gleich nach dem Fall des kommunistischen Systems. Prof. Homa fand ihn viele Jahre später und übergab den Entwurf an Politura, die ihm in einer Sammleredition produzierte (106 signierte Stühle) und auf der IMM Cologne 2016 vorstellte. Eine Herausforderung war die ein Jahr dauernde Ausfertigung einer modernen Ausführung des Stuhles und die Anpassung an die Produktion mit Fräse. Ein wichtiger Punkt war auch, den Sitzkomfort zu erhöhen.

 

Foto: Rücklehne des Stuhles H106 von Prof. Edmund Homa, Fot.: www.politura-berlin.de
Foto: Ausschnitt aus dem Film "I'm just a designer" über Prof. Edmund Homa, Produktion: Politura

Für Homa selbst war  vor allem eine gute, funktionale und feste Ausfertigung wichtig. Der Professor meinte, dass man gute Möbel  über viele Jahre produziert, was er in einem ihm von Politura gewidmeten Film betont. 1968  absolvierte er ein Stipendium in Kopenhagen, wo ihm die Individualisierung und der Respekt gegenüber den Designern beeindruckten. In der Folge dieser Erfahrungen begann er eine wissenschaftliche Studie mit dem Schwerpunkt Ergonomie und Komfort der Sitze. Am Ende seines Lebens erhielt er von Politura den Stuhl H106 und den wohl verdienten Respekt.

Politura – wunderbare Menschengeschichten, Entwürfe und Perspektiven. Aber was wird passieren, wenn die Archive zu schweigen beginnen? – frage ich. Michal Szarko lächelt und sagt, dass alles seine Zeit hat und man abwarten müsse, wohin der Weg führen wird. Jetzt ist es wichtig, das Bewusstsein in Polen und im Ausland zu schaffen, den Polen und ihren Designtraditionen und Ausgangspunkt zurückzugeben und dem polnischen Design einen verdienten Platz in dem Weltdesign zu schaffen. Politura ist es wirklich wichtig, den polnischen Designern eine Renaissance zu bieten. Gleichzeitig sind sie offen für Projekte mit jungen polnischen Designern, sie wollen bewusst das Angebot qualitativ erweitern.

Ich danke für das Gespräch und verlasse es mit neuem Wissen und einer Menge  guter Energie. Es ist die Energie, die  Menschen mit Leidenschaft ausstrahlen, die  von der richtigen Richtung überzeugt sind. Hinter Politura liegt ein Berliner Umzug, vor ihr weitere Interviews, Messen, Ausstellungen und mir versprochene Design-Überraschungen. Wir warten ungeduldig darauf!

J.K.H.

Foto: Sessel R-1378 von Janusz Różański, Entwurf 1962, Fot.: www.politura-berlin.de
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